Krebs und Mundgesundheit
Fokus Krebs: Warum der Weg zur Genesung auch durch den Mund geht
Als Sabine die Diagnose erhielt, zog es ihr den Boden unter den Füßen weg. Brustkrebs. In diesem einen Moment im Arztzimmer schien die Welt um sie herum einzufrieren. Ihr Kopf raste: Chemo, Bestrahlung, Haarausfall, die Familie… Es gab so viele Baustellen, so viele Ängste.
Einige Tage später saß Sabine bei ihrer Onkologin, um den genauen Ablauf der Chemotherapie zu besprechen. Am Ende des Gesprächs reichte die Ärztin ihr eine Checkliste. Ganz oben stand ein Punkt, mit dem Sabine überhaupt nicht gerechnet hatte: „Zahnärztliche Kontrolle und Sanierung.“
„Zähne?“, fragte Sabine überrascht. „Ich muss gegen den Krebs kämpfen, warum ist jetzt mein Zahnarzt wichtig?“
Die Antwort darauf ist simpel, aber lebenswichtig. Bei einer Krebstherapie verändert sich für Betroffene fast alles – und auch die Zahn- und Mundgesundheit wird massiv beeinflusst. Warum das so ist und wie Betroffene sich schützen können, erfährst du in diesem Artikel.
Das Immunsystem im Winterschlaf: Warum der Zahnarztbesuch vor der Chemo Pflicht ist
Um zu verstehen, warum Sabines Onkologin sie zum Zahnarzt schickte, muss man sich die Wirkung einer Chemotherapie wie einen großen Schutzschild-Ausfall vorstellen. Die Medikamente bekämpfen die Krebszellen, schwächen aber gleichzeitig das Immunsystem.
In unserem Mund leben Milliarden von Bakterien. Normalerweise hält unser Körper sie mühelos in Schach. Doch unter einer Chemotherapie fehlt dem Körper die Kraft zur Abwehr. Eine kleine, unentdeckte Zahnfleischentzündung, eine tief sitzende Karies oder ein unbemerkt entzündeter Nerv an der Zahnwurzel können unter der Chemo plötzlich explodieren. Aus einem kleinen Wehwehchen wird dann schnell eine schwerwiegende Infektion, die im schlimmsten Fall die gesamte Krebstherapie gefährdet.
Deshalb gilt als absolute Standardempfehlung: Erst die Mundhöhle sanieren, dann mit der Onkologie starten.
Wichtiges Zeitfenster: Sollte bei der Kontrolle herauskommen, dass ein Zahn gezogen werden muss, ist Timing alles. Notwendige Zahnextraktionen sollten mindestens 7 bis 10 Tage vor dem Beginn der Chemotherapie stattfinden. Nur so hat die Wunde genug Zeit, vollständig auszuheilen, bevor die körpereigene Abwehr sinkt.
Wenn die Schleimhaut brennt: Die häufigsten Nebenwirkungen im Mund – Krebs und Mundgesundheit während der Chemotherapie
Sabine beherzigte den Rat und ließ ihre Zähne rechtzeitig kontrollieren. Doch als die Chemotherapie begann, merkte sie nach zwei Wochen eine schmerzhafte Veränderung in ihrem Mund. Das Essen schmeckte anders, das Zahnfleisch rötete sich und jeder Schluck Kaffee brannte.
Was Sabine erlebte, teilen fast zwei Drittel aller Krebspatienten. Die Chemotherapie greift Zellen an, die sich schnell teilen – und dazu gehört leider auch die empfindliche Schleimhaut in unserem Mund.
Hier sind die drei häufigsten Begleiter während einer Chemotherapie:
Orale Mukositis: Dies ist eine schmerzhafte Entzündung der Mundschleimhaut. Sie tritt bei 40 bis 70 Prozent aller Patientinnen und Patienten unter Standardchemotherapien auf. Es fühlt sich an wie ein schwerer Sonnenbrand im Mund, oft bilden sich auch kleine, offene Stellen.
Mundtrockenheit (Xerostomie): Der Speichelfluss versiegt vorübergehend. Das klingt im ersten Moment nur lästig, beeinträchtigt aber massiv die Lebensqualität: Das Schlucken, Sprechen und Kauen fällt schwer. Zudem sorgt die Trockenheit oft für unangenehmen Mundgeruch.
Erhöhtes Infektionsrisiko: Da der Speichel fehlt (der normalerweise den Mund reinigt und schützt) und das Immunsystem geschwächt ist, haben Pilze leichtes Spiel. Das Risiko für eine Pilzinfektion (wie z. B. Candidose bzw. Mundsoor) steigt in dieser Zeit deutlich an.




Sanfte Pflege statt scharfer Chemie: Was wirklich gegen Mukositis hilft
Der Zusammenhang zwischen Krebs und Mundgesundheit wird häufig unterschätzt. Eine gute Mundhygiene kann während einer Krebstherapie entscheidend sein. Als Sabine weinend in der Apotheke stand, weil das Essen kaum noch möglich war, wollte sie zu den stärksten antibakteriellen Mundspülungen greifen. Doch genau das wäre ein Fehler gewesen.
Bei einer Mukositis ist die Mundschleimhaut wie ein rohes Ei – sie braucht extreme Sanftheit und keine scharfen Chemikalien. Die Mukositis ist zum Glück nur eine vorübergehende Nebenwirkung, aber die richtige Pflege entscheidet darüber, wie gut man durch diese Phase kommt.
Die Do’s für den Alltag:
Weiche Zahnbürsten nutzen: Steige sofort auf ultra-weiche Zahnbürsten oder spezielle Zahnseide-Sticks um. Harte Borsten würden die ohnehin entzündete Schleimhaut nur noch mehr verletzen.
Spülen, spülen, spülen: Das wirksamste Hausmittel ist denkbar einfach und günstig. Spüle deinen Mund regelmäßig mit isotonischer Kochsalzlösung (gibt es fertig in der Apotheke oder lässt sich selbst herstellen) oder einfach mit reinem, klarem Wasser aus. Das hält die Schleimhaut feucht und reinigt sanft.
Die Dont’s (Bitte vermeiden!):
Keine Experimente mit aggressiven Wirkstoffen: Es mag paradox klingen, aber klassische medizinische Spülungen mit Wirkstoffen wie Chlorhexidin, Sucralfat oder antiinfektive Pastillen werden laut aktuellen Leitlinien für diese Phase ausdrücklich nicht empfohlen. Sie können die strapazierte Schleimhaut zusätzlich austrocknen oder reizen.
Was tun bei Wüste im Mund? Tipps gegen die Xerostomie
Die Mundtrockenheit machte Sabine besonders nachts zu schaffen. Ohne Speichel fehlt den Zähnen der natürliche Schutzmantel, was das Kariesrisiko rasant in die Höhe treibt.
Was kann man also tun, wenn der Speichel ausbleibt?
Flüssigkeitszufuhr hochfahren: Trinke über den Tag verteilt immer wieder kleine Schlucke Wasser oder ungesüßten Tee. Stell dir auch nachts immer ein Glas Wasser ans Bett.
Den Speichelfluss anregen: Zuckerfreie Kaugummis oder zuckerfreie Bonbons helfen dabei, die verbliebene Speichelproduktion sanft anzukurbeln.
Künstlicher Speichel: In der Apotheke gibt es spezielle Gele oder Sprays (künstliche Speichelpräparate), die einen Schutzfilm über die Schleimhaut legen.
Fluoridschienen vom Zahnarzt: Um die Zähne in dieser speichelarmen Zeit extrem vor Karies zu schützen, kann der Zahnarzt individuell angefertigte Fluoridschienen herstellen. Diese werden zu Hause mit einem Fluoridgel befüllt und für einige Minuten getragen.
Nach der Therapie: Wann darf wieder gebohrt werden?
Ein halbes Jahr später: Sabine hatte es geschafft. Die Chemotherapie war vorbei, die Haare wuchsen langsam wieder und die Erleichterung war riesig. Da sie während der Chemo ein leichtes Ziehen an einem Backenzahn gespürt hatte, wollte sie nun sofort einen Termin für eine größere Zahnbehandlung vereinbaren.
Doch auch hier gilt: Der Körper braucht eine Atempause. Eine Chemotherapie wirkt im Körper nach, und das Immunsystem erholt sich nicht von heute auf morgen.
Elektive (nicht dringend notwendige) Behandlungen: Alles, was aufgeschoben werden kann – wie kosmetische Korrekturen, Kronen oder Routine-Füllungen –, sollte bis mindestens drei Monate nach Abschluss der Chemotherapie warten. So hat dein Immunsystem genug Zeit, wieder zu alter Stärke zurückzufinden.
Invasive Eingriffe vermeiden: In den ersten acht Wochen nach einer Radio- oder Chemotherapie sollten invasive Verfahren tabu sein. Dazu gehören das Ziehen von Zähnen (Extraktionen), Wurzelspitzenresektionen oder tiefe Wurzelkanalbehandlungen. Das Risiko für Wundheilungsstörungen im Knochen ist in dieser Zeit einfach zu hoch.
Was ist mit Notfällen? Wenn du akute, starke Zahnschmerzen oder eine dicke Backe hast, musst du natürlich nicht leiden. Notfallbehandlungen können bei entsprechender Indikation auch früher stattfinden. Sie müssen jedoch extrem sorgfältig geplant und eng mit den behandelnden Onkologen abgesprochen werden.
Fazit: Du bist nicht allein
Sabine hat ihren Weg gemeistert. Indem sie ihren Mundraum vor der Therapie sanieren ließ und während der Chemo auf milde Pflege setzte, konnte sie schwere Komplikationen vermeiden.
Eine Krebsdiagnose fordert alles von einem ab. Aber wer die Auswirkungen auf die Mundgesundheit kennt und rechtzeitig mit seinem Zahnarzt zusammenarbeitet, schützt nicht nur seine Zähne, sondern sichert sich ein großes Stück Lebensqualität auf dem Weg zur Genesung.
Wenn du oder ein Angehöriger vor einer onkologischen Therapie stehen: Macht die Zahngesundheit zu eurer Priorität. Sprecht uns an – wir begleiten euch Schritt für Schritt und mit ganz viel Fingerspitzengefühl durch diese Zeit.
Bei weiteren Fragen zu diesem Thema schreiben Sie uns gern eine Anfrage.
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Informationen der Bundeszahnärztekammer zu diesem Thema finden Sie unter diesem Link zur Bundeszahnärztekammer


